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Wunschbuch Fabeln 1
Fabelthemen aus der heutigen Zeit

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Der zwielichtige Blumenstrauß
Helmut Wördemann

Es war einmal ein Blumenstrauß, der stand allein im offenen Regal eines Raumteilers, so dass er von der Fernsehseite des Zimmers bewundert werden konnte und von der gemütlichen Wohnecke aus. Er duftete in allen frohen Farben und verzweigte sich so liebenswürdig, als wollte er seine glückliche Schönheit ausdrücklich hinhalten und verschenken.

Deshalb war der Blumenstrauß bei der ganzen Familie sehr beliebt. Und doch war er nicht ganz zufrieden.

"Man spricht nicht über mich," dachte er, "man genießt mich, das darf ich wohl annehmen, aber ich höre keine Anerkennung. Ich muss meine Schönheit besser ins Licht rücken."

Der Blumenstrauß sprach mit seiner Vase und trug ihr sein Anliegen vor.

"Nun ja," antwortete die Vase, "das wird sich wohl machen lassen. Du musst nur bei nächster Gelegenheit, wenn dein Wasser wieder nachgefüllt wird, ein bisschen wackeln, damit ein paar Tropfen vorbeifallen. Daraus mach' ich mir dann eine Rutschbahn."

Die Vase verschwieg, dass auch sie größtes Interesse daran hatte, mehr vom Lampenschein aufzufangen, denn sie bestand aus Glas und wollte gern leuchten.

Am nächsten Tag gelang das schwierige Rücken. Vase und Blumenstrauß glitten aus den Schatten ihrer Nische und standen abends in gleißendem Licht. Ja, sie genossen sogar eine doppelte Bestrahlung. Sowohl von der Fernsehseite als auch aus der Wohnecke fiel die Helligkeit der Lampen weiß auf sie herab.

"Sieh mal!" rief die große Tochter ihrer Mutter zu: "Unser Blumenstrauß hat Schatten bekommen, gleich zwei, auf jeder Seite des Raumteilers. Jetzt haben wir ihn dreimal."

Die Mutter schüttelte den Kopf: "Oder gar nicht mehr. Mich irritieren die zwielichtigen, verzerrten Abbilder. Und das grelle Licht zwischen den Blüten und grünen Blättern, das ist unnatürlich. Es verdirbt den Charakter der Blumen. Ich stelle die Vase lieber auf die Fensterbank."

"Ja," sagte die Tochter, "das ist sowieso der passendere Platz."

Der Blumenstrauß aber war beleidigt. Er drehte alle seine Blüten nach draußen, der Sonne entgegen und warf seinen Schatten ins Zimmer, nur einen, aber der war ganz natürlich.

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